Neues vom Catwalk – im wahrsten Sinne des Wortes

Im März dreht es sich bei uns nicht etwa um Heidi Klums Suche nach neuen Models, sondern wortwortlich um eine Katze und ihr Gangbild. Wir machen in unserer Rubrik „Patient des Monats“ mal wieder einen kleinen Ausflug ins Reich der Orthopädie.

Unser Patient des Monats ist Maine Coon Kater Levi.

Levi wurde uns im März im Alter von knapp anderthalb Jahren das erste Mal vorgestellt mit einer akuten Lahmheit. Beim Spielen zuhause wurde er von seinen Besitzern vom Tisch gehoben und fing ganz plötzlich an aufzuschreien und zu fauchen. Ein klassisches Zeichen für Schmerzen. Erstmal nichts ungewöhnliches, von jungen Katern erwartet man natürlich dass sie zuhause die Wohnung unsicher machen und über Tische und Bänke springen – da bleiben kleine Wehwehchen nicht aus. Nachdem der erste Therapieversuch mit Schmerzmittel- und Entzündungshemmer aber erfolglos blieb, musste weitere Ursachenforschung betrieben werden. Woher kommen die starken Schmerzen?

Beim nächsten Besuch musste Levi kurz die Zähne zusammen beißen und tapfer sein, es wurden Röntgenaufnahmen in verschiedenen Lagerungen angefertigt. Da wurde die Ursache gefunden: die Hüfte war das Problem. Levi leidet unter einer besonderen Hüfterkrankung, bei der sein Oberschenkelkopf (Femurkopf) nicht richtig im Hüftgelenk sitzt und hin und her rutscht. Das tut natürlich höllisch weh. Doch wie kommt es dazu ?

Für Gelenkprobleme in der Hüfte kann es mehrere Grundursachen geben:

1) die klassische Hüftgelenkdysplasie (HD). Bei der Hüftgelenkdysplasie werden Strukturen, die zu einem Gelenk gehören, fehlerhaft ausgebildet. Dabei können sowohl die knöchernen Strukturen betroffen sein (z.B. Die Hüftpfanne ist zu flach ausgebildet, dadurch hat der Oberschenkelkopf keinen richtigen halt) sowie auch die Weichteilstrukturen des Gelenks selbst, zum Beispiel die Gelenkkapsel oder die Bänder, die für einen straffen Halt sorgen sollten. Jede Form der HD führt durch die daraus resultierende Fehlbelastung des Gelenks zu Arthrosen, welche intensiv behandelt werden müssen und nur noch mit Schmerzmitteln gelindert werden.

2) die Femurkopfnekrose. Bei der Femurkopfnekrose, unter der vorallem kleine Hunderassen leiden, kommt es aus verschiedenen und zum Teil auch unbekannten Ursachen zu einer Mangeldurchblutung des Oberschenkelkopfes. Durch diese Mangeldurchblutung kommt es nach und nach zum Absterben des Femurkopfes (=er wird nekrotisch).

3) durch ein Trauma, wie zum Beispiel beim Autounfall oder anderen schweren Unfällen.

4) der fehlende Verschluss einer Wachstumsfuge.

Letzteres betraf leider auch Levi. Unsere Knochen, und auch die unserer Haustiere, sind nicht von Anfang an so groß, wie sie es im Erwachsenenalter sind. Schließlich wächst man im Laufe seines Lebens erst an eine gewisse Größe heran. Das bedeutet auch, dass die Knochen einen gewisse Zone brauchen, um überhaupt in die Länge wachsen zu können. Hier kommen die sogenannten Wachstumsfugen (Epiphysenfugen) ins Spiel.

Die Epiphysenfugen sind bestimmte Bereiche, am Ende eines Knochen, die aus Knorpel und Bindegewebe bestehen. Sie sind also flexibel und dienen dem Knochen als „Wachstumsmaterial“ , um weitere Knochensubstanz aufzubauen. So wachsen unsere Knochen. Sind wir ausgewachsen, verschließt sich die Epiphysenfuge und der Knorpel reift zu Knochenstruktur heran. Manchmal jedoch kommt es vor, dass sich Wachstumsfugen nicht richtig verschließen, so wie auch in Levis Fall. Durch die offene Fuge zwischen Femurkopf und Femurhals, hatte der Oberschenkel keinen richtigen halt in der Hüfte, sodass er immer wieder hin und her gerutscht ist. Dieses hin und her rutschen bedeutet, dass die Gelenkoberfläche mit seiner Struktur beschädigt wird. Diese Beschädigung und das „Aufreiben“ sind verantwortlich für akute Entzündungen in einem Gelenk (= Arthritis), welche dann auf Dauer für chronische Arthrosen verantwortlich sind.

In Levis Fall haben wir uns für eine OP Technik entschieden: die sogenannte Femurkopf-Halsresektion. Diese OP Methode hat bei Katzen und Hunden bis ca. 20 kg eine sehr gute Prognose. Bei dieser Technik wird der Femurkopf und ein Teil des Femurhalses vom restlichen Oberschenkel abgesägt. Das heißt die Knöcherne Verbindung zwischen Oberschenkel und Hüfte wird unterbrochen.

Somit kann der Oberschenkelkopf nicht mehr im Hüftgelenk hin und her rutschen und durch die Reibung schmerzhafte Arthrosen verursachen. Die Muskulatur des Oberschenkels sowie Bindegewebe, dass im Operationsbereich durch Vernarbungen entsteht, sorgen post OP für die benötigte Stabilität. Das bedeutet, dass das Tier auch ohne den Oberschenkelkopf wieder lahmheitsfrei laufen kann.

Doch große Eingriffe, besonders in der Orthopädie, benötigen natürlich eine gewisse Zeit sowie postoperatives Training, damit der Bewegungsapparat wieder vollständig funktionsfähig ist.

Levi muss sich nun nach der geglückten OP also langsam antrainieren. Da wären wir wieder beim Thema Catwalk Training…

Sprünge, Sprints und schnelle Bewegungen sind jetzt für Levi leider erst mal tabu. Kleine, kontrollierte und langsam ausgeführte Bewegungen sind jedoch unerlässlich, damit die Muskulatur gestärkt wird und nicht schwindet (Muskelschwund = Muskelatrophie).

Die nächsten Wochen und Monate werden für Levi und seine Besitzer jetzt wohl seeehr anstrengend werden, denn Levi ist ein echter Abenteurer! Von wegen Stubentiger. Spaziergänge im Wald mit Kumpel Erwin oder Strandbesuche im Nordseeurlaub, das ist Levis Leben! Und jetzt zuhause, auf engstem Raum ruhig halten? Na super toll…

Wir wünschen Levi weiterhin gute Besserung, viel Erfolg beim Catwalk Training und dass er bald wieder auf spannende Expeditionen mit Frauchen, Herrchen und Kumpel Erwin gehen kann.

 

 

Levi auf Expedition im Wald

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Levi im Strandurlaub

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Röntgenaufnahme Levis Hüfte: rechts eingekreist der fehlende Verschluss der Epiphysenfuge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aseptische Femurkopfnekrose (Absterben des Oberschenkelkopfes ohne Beteiligung von Keimen)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Röntgenaufnahme eines Hundes nach erfolgreicher Femurkopfresektion

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hund mit schwerer Hüftgelenkdysplasie (HD)